IO1: Kompetenzprofil von FachübersetzerInnen

Das Hauptziel des Output 1, dem ersten geistigen Produkt von eTransFair, war die Erstellung einer Liste mit erforderlichen Fähigkeiten von FachübersetzerInnen –  eine Art Kompetenzprofil - auf Basis bereits existierender Kompetenzmodelle für ÜbersetzerInnen, um Empfehlungen für neue Inhalte in den Curricula von Hochschulstudienrichtungen geben zu können und so den sich stetig ändernden Anforderungen des Marktes gerecht zu werden.

Der erste Schritt umfasste die Recherche aktueller Statistiken zu weltweiten und europäischen Branchentrends im Bereich Übersetzen und Dolmetschen (Berichte der EUATC, 2016 & 2017). Auf Grundlage dieser Berichte sowie der Durchsicht einiger relevanter, internationaler T/I-Qualitätsstandards haben wir versucht, die wichtigsten, von T/I-Unternehmen gewünschten, Fachkompetenzen herauszuarbeiten.

Im darauffolgenden Schritt widmeten wir uns der Untersuchung von bereits bestehenden europäischen Initiativen zu translatorischer Fachkompetenz und der wichtigsten Modelle und Projekte der vergangenen Jahre (EMT, Optimale, Agorà, Transcert, CIUTI, BME-Proford). Nach einem Vergleich der unterschiedlichen Fähigkeiten und der Ermittlung der Stärken und Schwächen dieser Modelle und Projekte werden in diesem Dokument die Probleme der Definition und Übersetzbarkeit der Benennung „Fachübersetzung“ diskutiert sowie eine Reihe terminologischer Probleme besprochen, die in den Projekten festgestellt wurden.

Ausgehend von der obigen Untersuchung, dem Vergleich und der sorgfältigen Aufarbeitung der Fachliteratur wurden eine Reihe von Kompetenzen vorgeschlagen (in Form von Lernergebnissen), die von FachübersetzerInnen erworben werden sollten. Anhand dieser Kompetenzen wurden schließlich Module zusammengestellt, die Teil eines möglichen Ausbildungsprogramms werden sollen. Außerdem haben wir verschiedene Rollen, die ÜbersetzerInnen in einem Übersetzungsbüro einnehmen könnten, bestimmt.

Die Module, die im Rahmen von IO1 vorgestellt wurden, sind die wesentlichen Bausteine des neuen, übertragbaren Ausbildungsprogramms in Output 2, wobei die Inhalte der Module im Rahmen von Output 3 näher erläutert werden. Die erforderlichen Fähigkeiten von FachübersetzerInnen, die im Zuge von Output 1 erarbeitet wurden, werden während und nach Ende des Projekts anhand ständigen Feedbacks anderer Projektaktivitäten laufend überprüft.

Kompetenzprofil von FachübersetzerInnen zum Download

Kompetenzprofil von FachübersetzerInnen (eTransFair)

eTransFair-Kompetenzprofil von FachübersetzerInnen

Kompetenz[1]

Lernergebnisse/Deskriptoren

ÜBERSETZUNGSKOMPETENZ

Kenntnisse[2]

Er/Sie versteht unterschiedliche Modelle und Methoden des Übersetzens, mit Fokus auf Prozessen (Erwerb von prozeduralen Fertigkeiten).

Er/Sie kennt Strategien und Techniken des Übersetzens. 

Fertigkeiten[3]

Er/Sie kann Ausgangstexte verstehen und eine Übersetzung erstellen, die den Anforderungen und dem Skopos des Kunden/der Kundin entspricht. 

Er/Sie kann Übersetzungsprobleme erkennen und lösen.

Er/Sie kann Strategien und Techniken des Übersetzens definieren und entsprechend anwenden, unter Verwendung einer geeigneten Metasprache.

SPRACHKOMPETENZ

Kenntnisse 

Er/Sie versteht die linguistischen und (inter-)textuellen Konventionen der Ausgangssprache und der Zielsprache. 

Er/Sie kann diese Regeln/Konventionen in der Ausgangssprache und der Zielsprache passend anwenden.

Fertigkeiten

Er/Sie kann die linguistischen und (inter-)textuellen Konventionen und andere Besonderheiten der Ausgangssprache und der Zielsprache miteinander vergleichen, und ein Produkt für ein Locale anpassen (d.h., er/sie kann ein Produkt lokalisieren).

Einstellung/Bewusstsein[4]

Er/Sie ist sich bewusst über die jüngsten Änderungen und Entwicklungen in der Ausgangssprache und in der Zielsprache.

INTER- UND TRANSKULTURELLE[5] KOMPETENZ

Kenntnisse

Er/Sie versteht die Grundlagen und Konventionen der Kultur(en).

Fertigkeiten

Er/Sie kann (inter-)kulturelle Grundlagen und Konventionen erkennen und einsetzen.

Er/Sie kann (inter-)kulturelle Grundlagen und Konventionen in einem Text/einer Übersetzung anwenden.

Er/Sie kann die kulturellen Konventionen der Ausgangssprache und jene der Zielsprache miteinander vergleichen.

Einstellung/Bewusstsein

Er/Sie kennt die aktuellen Veränderungen und Entwicklungen in der/den Kultur(en).

 REVISIONS- UND FACHLICHE PRÜFUNGSKOMPETENZ

Kenntnisse

Er/Sie kennt die allgemeinen Inhalte von Revision und fachlicher Prüfung.

Fertigkeiten

Er/Sie kann die oben genannten Aspekte adäquat im (Prozess der) Revision und fachlichen Prüfung anwenden.

Einstellung/Bewusstsein

Er/Sie kennt die berufliche Praxis der Revision und fachlichen Prüfung, und deren Auswirkungen auf ein Übersetzungsprojekt.

FACHSPEZIFISCHE KOMPETENZ

Kenntnisse

Er/Sie weiß, wie man (ein) Fachgebiet(e) erkennen kann.

Er/Sie versteht die linguistischen und (inter-)textuellen Konventionen in einem Fachgebiet bzw. in Fachgebieten.

Fertigkeiten

Er/Sie kann in einem Fachgebiet bzw. in Fachgebieten übersetzen.

Er/Sie kann einen Zieltext in einem Fachgebiet bzw. in Fachgebieten bearbeiten und/oder erstellen.

Einstellung/Bewusstsein

Er/Sie kennt die jüngsten Veränderungen und Entwicklungen eines Fachgebiets oder innerhalb von Fachgebieten.

TECHNOLOGISCHE KOMPETENZ

Kenntnisse

Er/Sie kennt die Übersetzungs- und Kommunikationstechnologien, die auf dem Markt verfügbar sind.

Er/Sie kennt die Unterschiede zwischen den Technologien und kann, je nach Text- bzw. Übersetzungsauftrag, die passende Technologie auswählen.

Fertigkeiten

Er/Sie kann die Übersetzungs- und Kommunikationstechnologien effektiv nutzen.

Einstellung/Bewusstsein

Er/Sie kennt die technologischen Anforderungen eines Übersetzungsauftrags.

INFORMATION MINING & TERMINOLOGISCHE KOMPETENZ

Kenntnisse

Er/Sie kennt die allgemeinen Inhalte der Informationsbeschaffung und Terminologie.

Fertigkeiten

Er/Sie kann geeignete Strategien zum Erstellen und Übersetzen von Terminologie anwenden. 

Er/Sie kann Terminologie (in Datenbanken) pflegen und sie für bestimmte Übersetzungsprojekte anpassen.

Einstellung/Bewusstsein

Er/Sie kann die Verlässlichkeit von terminologischen und dokumentarischen Quellen kritisch beurteilen.

BERUFLICHE KOMPETENZ

Projektmanagement

Er/Sie kennt die allgemeinen Inhalte und Berufsstandards im Bereich Projektmanagement.

Er/Sie versteht, wie Übersetzungsbüros organisiert sind, und wie sie arbeiten.

Er/Sie weiß, wie Faktoren der Industrie, und auch andere, externe Faktoren, den Projektmanagement-Ansatz beeinflussen.

Er/Sie kennt die am Markt verfügbaren Projektmanagement-Technologien.

Unternehmertum

Er/Sie erkennt die Unterschiede zwischen der Arbeit von freiberuflichen und angestellten ÜbersetzerInnen.

Er/Sie ist vertraut mit den jeweils nötigen Grundlagen und Abläufen, um im gewählten Land der Geschäftstätigkeit ein Übersetzungsunternehmen zu eröffnen, oder sich als ÜbersetzerIn selbstständig zu machen.

Er/Sie kennt die Grundlagen der Buchhaltung und Steuern im gewählten Land der Geschäftstätigkeit.

Er/Sie kennt die Grundlagen der Versicherung im gewählten Land der Geschäftstätigkeit.

Er/Sie kann im gewählten Land der Geschäftstätigkeit ein Projekt einschätzen (Grundlagen und Abläufe).

Er/Sie ist mit den rechtlichen Aspekten des Berufes vertraut.

Er/Sie ist mit den ethischen Aspekten des Berufes vertraut.

Allgemeine Kompetenzen / übertragbare Fertigkeiten

Er/Sie kennt die Wichtigkeit der übertragbaren Fertigkeiten (dazu gehören persönliche, zwischenmenschliche und instrumentale Kompetenz), welche für den Beruf relevant sind.

Marketing und Kundenbetreuung

Er/Sie versteht die grundlegenden Inhalte des Marketing und der Kundenbetreuung.

Qualitätsmanagement

Er/Sie kennt die allgemeinen, in der Übersetzungsbranche angewandten Inhalte des Qualitätsmanagements (Sicherung, Prüfung, Kontrolle und Verbesserung).

Er/Sie kennt die Wichtigkeit des Qualitätsmanagements in Prozessen eines Übersetzungsprojekts.

Er/Sie versteht die Unterschiede zwischen Qualität als Produkt und Qualität als Prozess.

Er/Sie kennt die richtige Vorgangsweise im Falle von Abweichungen oder Kundenbeschwerden.

       

[1] Kompetenz ist definiert als die Summe des Wissens, der Fertigkeiten und der Eigenschaften, die es einem Menschen erlauben, Handlungen auszuführen (vgl. CEFR, 2012); als die Fähigkeit, Wissen, Erfahrung und Fertigkeiten einzusetzen, um die gewünschten Ergebnisse zu erreichen (vgl. ISO 17100, 2015); alle Fertigkeiten und das gesamte Wissen, das zur erfolgreichen Erledigung einer übersetzerischen Aufgabe beiträgt (vgl. Lesznyák, 2008); und als das zugrunde liegende System, bestehend aus Wissen, Fertigkeiten und Einstellungen, das beim Übersetzen gefordert ist (vgl. PACTE, 2001). Im Kontext des europäischen Qualifikationsrahmens (EQF, 2008) beschreibt Kompetenz die nachgewiesene Fähigkeit, Wissen, Fertigkeiten sowie persönliche, soziale und/oder methodische Fähigkeiten in Arbeits- oder Lernsituationen und für die berufliche und persönliche Entwicklung zu nutzen. 

[2] Der Begriff Kenntnisse beschreibt das Ergebnis der Verarbeitung von Informationen durch Lernen. Kenntnisse bezeichnen die Gesamtheit der Fakten, Grundsätze, Theorien und Praxis in einem Lern- oder Arbeitsbereich (EQF, 2008).

[3] Der Begriff Fertigkeiten beschreibt “die Fähigkeit, Kenntnisse und Know-how für die Fertigstellung von Aufgaben und die Lösung von Problemen anzuwenden” (EQF, 2008).

[4] Einstellung steht in direktem Zusammenhang mit den Taxonomiestufen nach Bloom (1956, 1976), welche der Ordnung von Lernzielen dienen: Kognitive Lernziele – Wissen, Psychomotorische Lernziele – Fertigkeiten, und Affektive Lernziele – Einstellung (die eigenen Überzeugungen und/oder die eigene Motivation, welche sich im Verhalten zeigen).

[5] Transkulturell bezieht sich auf die beidseitige Veränderung beim Kontakt zwischen zwei Kulturen; ein dynamischer Fluss von kulturellen Berührungsflächen (vgl. Ashcoft, 2001).